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  • Phil Leistenschneider

Hinter dem Schleier!


Dieses Mal wollen wir euch hinter die Kulissen unserer Bienenschutzprojekte mitnehmen. Deshalb gibt ein Interview mit Flo, dem ersten Imker, den wir direkt unterstützen. Er gibt uns einen kleinen Einblick in seinen Einstieg und Alltag in der Imkerei.

Phil: Hallo Flo! Schön, dass wir heute mal wieder quatschen. Erste Aufgabe: Beschreibe dich kurz, und erzähl, warum du heute hier bist.

Flo: *grinst* Na gut. Ich bin Florian Boll, 34 Jahre alt und ursprünglich gelernter Bäcker. Über viele Umwege bin ich heute staatlich anerkannter Lebensmitteltechniker. Dass wir uns kennen, ist ein absoluter Zufall. Ich habe bei einem Spaziergang mit meinen Hunden spontan gefragt, ob ich meine Bienenvölker hier bei Thomas hinstellen darf. Und da Thomas ja dich kannte, hat er dich dann eingeladen und uns vorgestellt.

Phil: Wie bist du zur Imkerei gekommen?

Flo: Die Faszination für Bienen hat mich schon seit meiner Kindheit begleitet, aber durch die hohen Kosten im Einstieg habe ich lange nicht angefangen, selbst zu Imkern. Das hat mich lange abgeschreckt. Vor 4 Jahren habe ich dann angefangen, beim Klaus, dem Vater eines Bekannten, mitzulaufen. Klaus imkert schon seit 30 Jahren, da konnte ich mir das mal praktisch anschauen. Nebenbei habe ich mir Lektüre zugelegt, und so praktisch und theoretisch meinen Einstieg gefunden. Dabei habe ich gemerkt, dass mich Imkerei nicht nur fasziniert, sondern es mir auch unwahrscheinlich viel Spaß macht. Deshalb habe ich mir im darauffolgenden Jahr mein erstes eigenes Bienenvolk zugelegt. Parallel bin ich weiter bei Klaus mitgelaufen, habe erstes eigenes Equipment gekauft und von ihm und anderen Bekannten andere Ausrüstung überlassen bekommen. So hatte ich mein „Starterset“ zusammen.

Phil: Was war dein größtes Hindernis/ welche Startschwierigkeiten hattest du?

Flo: Abgesehen vom Kostenfaktor war es einfach Überwindung, mit den Bienen zu arbeiten. Bei einem kleinen Ableger-Volk, das auf fünf Waben sitzt, sind da gerade mal 10.000 Bienen, um die du dich kümmerst, das ist noch niedlich. Je stärker dein Volk dann über die Saison wird, desto mehr Bienen schwirren dir entgegen, wenn du den Deckel auf machst. Da sind dann auf einmal bummelig 70.000 Bienen drin. Alleine hat man da am Anfang einfach Respekt und ist sehr vorsichtig, was aber gerne mal dazu führt, dass man gestochen wird.

Phil: Und wie hast du das gelöst/überwunden?

Flo: Übung, machen, Erfahrung sammeln. Und mittlerweile habe ich auch bessere Ausrüstung als am Anfang. Statt nur einem Schleier trage ich jetzt einen recht dichten Poncho-Schleier, da kommt nichts rein. Das hat auch geholfen, weil es einem einfach mehr Sicherheit gibt.

Phil: Warum bist du Imker?

Flo: Aus Neugier ist eine pure Leidenschaft geworden, deshalb imkere ich auch so, wie ich es mache.

Phil: Wie oft wurdest du schon gestochen?

Flo: Tatsächlich gar nicht so oft. In den 4 Jahren, die ich insgesamt dabei bin, vielleicht 20 oder 30 mal. Im schlimmsten Jahr vielleicht zehnmal, es ist viel weniger als man eigentlich denkt. Und wenn es passiert, ist es meistens eigene Blödheit. Klar gibt es die eine oder andere Harakiri-Biene, die einen schlechten Tag hat und dir ans Leder will. Aber ich kann an maximal 2 Händen abzählen, wie oft ich im Jahr gestochen werde.

Phil: Was ist das beste Mittel gegen Bienenstiche?

Flo: Für mich sind das diese Apis-mellifica-Kügelchen. Die sind homöopathisch und eigentlich halte ich da nicht viel von, aber es wirkt Bombe, und das reicht mir.

Phil: Magst du Honig noch oder kannst du ihn mittlerweile nicht mehr sehen?

Flo: Klar mag ich ihn noch, in sämtlichen Variationen. Am liebsten esse ich natürlich meinen eigenen, aber Honig kommt bei uns überall in der Küche zum Einsatz, aufs Brot, im Tee, im Dressing, alles was mit Honig geht wird auch damit gemacht.

Phil: Was bedeutet dir Nachhaltigkeit?

Flo: Als Lebensmitteltechniker ist das natürlich eine schwierige Frage, weil ich im Job viele Berührungspunkte mit der Industrie habe. Persönlich weiß ich aber gerne, wo mein Essen, mein Brot, mein Getreide, mein Obst herkommt, und das ist eben nicht die Industrie oder die Kette, sondern der kleine Händler meines Vertrauens um die Ecke. Das ist für mich Nachhaltigkeit.

Phil: Was verbindet dich mit „Oh, Honey!“?

Flo: *grinst breit*Abgesehen von der Freundschaft, die sich aus unserem Projekt entwickelt hat, beobachte ich eure Entwicklung einfach gerne, weil ich das sehr spannend finde, wie eure Reise weitergeht. Und das inspiriert mich auch zu neuen Ideen, aus denen sich ja wieder neue Projekte ergeben, die wir jetzt gemeinsam angehen. Von meinen ersten Tipps als Lebensmitteltechniker zu euren ersten Produkttests bis heute ist es einfach interessant, was ihr daraus macht. Deshalb telefonieren wir ja auch oft, weil ich immer neugierig bin, wo ihr aktuell steht. Und ich träume davon, unsere Projekte und meine Imkerei irgendwann so weit zu bringen, dass mein Honig in euren Flaschen steckt, vielleicht sogar nur mein Honig. Das wäre das nächste Level.

Phil: Was war dein schönstes Erlebnis beim Imkern?

Flo: *schmunzelt* Interessantestes Erlebnis trifft es besser. Im zweiten Jahr hatte ich ein kleines Volk, auf das ich eine zweite Zarge gestellt hatte, damit es Platz zum Wachsen hat. In die zweite Zarge habe ich auf Anraten befreundeter Imker zum Anfang nur drei Mittelwände gehängt, um das langsam auf zu bauen. Dann gingen ein paar Tage ins Land, und als ich den Deckel wieder aufgemacht habe, war die ganze Zarge voll mit Wildbau. Da dachte ich mir nur: Okay?! Das sah aus wie ein Korallenriff, von oben bis unten voll. Da habe ich gemerkt, wie schnell man den Fleiß von Bienen unterschätzt. Mittlerweile hänge ich neue Zargen direkt voll mit Mittelwänden.

Phil: Würdest du die Imkerei als Hobby empfehlen?

Flo: Ja, aber mit Einschränkung. Ich würde empfehlen, sich erstmal einen Imker zu suchen und da mitzulaufen, um zu sehen, ob es dir liegt und Spaß macht. Es ist kein Hobby für nebenbei und unter Zeitdruck. Entweder machst du einen Lehrgang und kaufst dir Lektüre, wobei ich immer eins von beidem + mitlaufen beim Imker empfehlen würde, um Erfahrung zu sammeln. Der Zeitaufwand ist zwar für ein Volk nur eine Stunde, aber jede Woche und mit Ruhe. Wenn du Hektik mitbringst, merken die Bienen das, du machst Fehler und wirst gestochen. Wenn man zu den Bienen geht, dann ohne Zeitdruck und Anspannung, lass das Handy zuhause. Präsenz und Ruhe sind der Schlüssel, dann geht es auch schneller als man denkt.

Phil: Wie hast du persönlich das Bienensterben in den letzten Jahren mitbekommen?

Flo: Wenn man sich mit dem Hobby beschäftigt, nimmt man die Insektenvielfalt einfach viel mehr wahr, weil das Thema einem selbst präsenter ist. Und es ist mir schon negativ aufgefallen in den letzten Jahren, seit ich angefangen habe. Ist ein trauriges Auge, mit dem man darauf schaut. Man merkt einfach erst, welchen Nutzen jedes Insekt, selbst die Wespe, hat, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt. Das Bienensterben ist schon schlimm genug, aber allgemein das Insektensterben ist einfach erschreckend. Ein makaberes Beispiel: Wenn du früher über die Landstraße gefahren bist, war die Windschutzscheibe nach einer Stunde voller Insekten, heute dauert das Wochen. Auch daran sieht man einfach, wie viel weniger es gibt.

Mittlerweile, durch die Medienaufmerksamkeit wird schon was getan, aber ich habe das Gefühl, dass an den falschen Stellen geschraubt wird. Mit erhobenem Zeigefinger auf die Landwirte zu zu gehen, löst immer erstmal Abwehrhaltung aus. Stattdessen könnte man Grünstreifen fördern, indem man die wegfallende Ackerfläche staatlich subventioniert. Dann würde es jeder machen, und alleine damit wäre schon viel für die Insektenvielfalt getan. Anreize statt böser Blicke wäre mal ein Vorschlag an die Politik.

Phil: Was kann jede Privatperson im Alltag für Bienen tun, um Bienen und Insekten zu helfen?

Flo: Seedbombs. Jede/r Grundbesitzer kann Blumen pflanzen, jeder Balkonbesitzer kann sich ohne grünen Daumen einen Balkonkasten am Leben halten, und wir alle kennen in Städten Orte, die mit bunter Blüte schöner wären. Ich glaube, das kann wirklich jeder machen.

Phil: Vielen Dank für den kleinen Einblick!

So ist also die Arbeit mit Honigbienen. Spannend, aber wie viele Bienen gibt es eigentlich noch? Und Seedbombs helfen? Soll man die kaufen oder selber machen? Und wie?

Spannende Fragen. Wer weiß, vielleicht beantworten wir hier demnächst ein paar davon...


Bis bald! – Euer Oh, Honey!-Team

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